work out
von thomas edlinger

"Für eine Gage unter 10 000 Dollar bewege ich mich nicht einmal aus dem Bett."

Linda Evangelista, Model

Problem Problem. Was machen wir da? Geht es nach dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder, dann müssen wir einfach nur die Zumutbarkeitsbestimmungen verschärfen, denn „ein Recht auf Faulheit" kann und darf es nicht geben. Schon gar nicht im Land der deutschen Wertarbeit. Trotz des beständigen Appells an unsere Arbeitsmoral, die mittlerweile längst auch die Freizeit kolonisiert und diese zur Arbeit an sich und seinem Körper umgeformt hat, ging die Arbeitslosigkeit made in Germany im traditionell beschäftigungsintensiven Juni nur marginal auf knapp 4 Millionen zurück. Eine Zahl, die vor einigen Jahren noch zu Krisengeschrei Anlass gegeben hätte. Heute heißt das Sockelarbeitslosigkeit.

Offensichtlich ist dem tendenziellen Verschwinden der Arbeit weder mit eindringlichen Disziplinierungsformeln noch mit rigorosen gesetzlichen Maßnahmen (unentgeldliche Solidardienste, Arbeitslosengeldkürzungen und Zumutbarkeitsverschärfungen) beizukommen. Das freut zwar die Aktienkurse der multinationalen Konzerne, die jeden Entlassungsschub tatsächlich als „Rationalisierung" interpretieren, läßt sich aber in den Medien von den für diese neoliberale Neustrukturierung der Wertschöpfung verantwortlichen PolitikerInnen nicht so gut verkaufen. Die politische Rhetorik reagiert jedenfalls auf das Gespenst Massenarbeitslosigkeit zumeist mit der ewig gleichen Leier von der verschärften Konkurrenz in einer globalisierten Ökonomie, weswegen Arbeitsplätze kaum zu halten bzw so oder so eigentlich immer zu teuer seien. Logisch, schließlich wird ja an weiterer Produktivitätssteigerung und Flexibilisierung eifrig weitergearbeitet, denn die Konkurrenz schläft nicht…

So scheint sich — ausgerechnet - ein altes marxistisches Theorem im Casinokapitalismus unserer Tage zu bestätigen: das Primat der Ökonomie vor der Politik, verkleidet im neoliberalen Neusprech vom „Sachzwang". Wobei die Krise des Arbeitsbegriffs sich in durchaus paradoxaler Form artikuliert:

Wir alle sollen länger arbeiten, um die Pensionen und nicht zuletzt kurioserweise die Arbeitslosenbeiträge für jene zu sichern, denen wir durch Mehrarbeit die Arbeitsplätze wegnehmen. Während ganze EU-Regionen zur als Lohnarbeit qualifizierten Vernichtung von Wertschöpfung in Form von überschüssigen Ernteerträgen angehalten werden, erfährt der 24-Stunden multitasking Bereitschaftsdienst der Neuen Selbstständigen die Segnungen des freien Unternehmertums mit einem einzigen Tagelöhner (nämlich sich selbst.) Die größtenteils unter zunehmendem Schuldendruck stehenden Billiglohnländer jenseits der kapitalistischen Zentren (China, Vietnam, Mexiko, Russland undundund) sehen sich gerade wegen der Entfesselung des freien Spiels der Marktkräfte ebenfalls mit rasant anwachsenden Arbeitslosenheeren konfrontiert. Und im Wirtschaftsstandort Japan, noch vor kurzem von der corporate world als der Hort deutscher Tugenden — Fleiß, Tüchtigkeit und Strebsamkeit - gehandelt und zum Vorbild für einen neuen Gesellschaftsvertrag zwischen Arbeiter und Unternehmen geadelt, herrscht so und so Katerstimmung.

Die Kölner Zeitschrift Krisis beschreibt den aktuellen Status des fundamentalen Widerspruchs zwischen Arbeit und Kapital in pointierten Worten: „Die Gesellschaft war noch nie so sehr Arbeitsgesellschaft wie in einer Zeit, in der die Arbeit überflüssig gemacht wird. Früher haben Menschen gearbeitet, um Geld zu verdienen. Heute simulieren sie in Trainingswerkstätten Arbeit und machen sich fit für Jobs, die sie nie erhalten werden."

Trotzdem oder eben gerade deshalb wird weiter der Intensivierung der Arbeit als Zucht seiner Selbst das Wort geredet. Und das, obwohl sich selbst für die mehr oder weniger unglücklich arbeitenden Massen unter mehr oder weniger unzumutbaren Bedingungen das Arbeiten kaum lohnt. Laut dem neuen Bericht der deutschen Bundesregierung zur Entwicklungspolitik muss ein Fünftel der Menschheit mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen. Jeder zweite Mensch verfügt über weniger als 2 US-Dollar pro Tag. Zuviel zum Sterben, zuwenig zum Leben.

Längst hat man sich im real existierenden Kapitalismus von der 2/3-Gesellschaft verabschiedet und steuert lieber gleich die 4/5-Gesellschaft an. 20% der Weltbevölkerung werden in absehbarer Zukunft zum Erhalt eines weiteren Wirtschaftswachstums ausreichen, heißt es. Der Rest ist Ausschussware, Reservat der ModernisierungsverliererInnen. Diese Entwicklung könnte unter nicht kapitalistischen Verwertungsbedingungen auch als Befreiung vom in der Antike noch als solches bezeichneten Joch der Arbeit interpretiert werden, wird aber heute ausschließlich als gesellschaftliche Katastrophe wahrgenommen. Der bloße Gedanke an verordnete Umverteilung von materiellem Reichtum oder gar solidarisches Verhalten mit Nicht-Arbeitenden (siehe die Schwierigkeiten bei einer wirtschaftlich durchaus Sinn machenden Einführung einer Grundsicherung) ist eben mit einer neoliberalen Rhetorik und einer entsprechenden Marktlogik, die notwendigerweise auf Konkurrenz der Waren und Arbeitskräfte bei beständiger Ausbildung der Konsumdifferenz setzt, nicht zu vereinbaren.

So läuft also alles weiter bzw. aus dem Ruder. Realistische Alternativen zur Arbeit, die tendenziell ausgeht und gleichzeitig zum ideologischen Fetisch ausgebaut wird, sind aus meiner Sicht nicht auszumachen. Anzubieten hätte ich nur ein paar simple Fragen: Wieviel an wiederum künstlich erschaffener Arbeit kostet es eigentlich, diese 80% künstliche Arbeitsplätze zu beschaffen, die ohnehin von der nächsten technischen Revolution schneller hinweggerafft werden als der Markt expandieren kann? Und wohin verabschiedet sich eigentlich der gesamte erwirtschaftete gesellschaftliche Reichtum, der doch mit der kontinuierlichen Steigerung der Produktivität mitwachsen müsste?

Antworten darauf werden sich wohl weder in Parlamentsdebatten noch in Weltwirtschaftsgipfeln finden lassen. Aber suchen sollte man sie schon. Es muss ja nicht gleich die Neuauflage des „Berufsverbots für Alle" sein, wie das einmal in heute kaum mehr vorstellbaren Zeiten des gerade noch real existierenden Sozialstaates, nämlich 1973, der Westberliner Peter Paul Zahn in seiner Zeitschrift „Der Glückliche Arbeitslose" formuliert hatte.

Thomas Edlinger

 


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